Karl Berger

Tirol Werbung » Service » Für Tourismusverbände und Betriebe »







„Die Krux liegt freilich darin, dass es weder den einen Tourismus gibt, noch die eine Kultur.“

Interview mit Karl C. Berger 

Dr. Karl C. Berger zählt zu den prägenden Stimmen der Tiroler Museumslandschaft. Der promovierte Volkskundler und Politikwissenschaftler leitet seit elf Jahren das Tiroler Volkskunstmuseum – und damit eine der größten und bedeutendsten Sammlungen von Kulturgütern in der Europaregion Tirol–Südtirol–Trentino. Als profilierter Museumsexperte kennt er die Strukturen und Herausforderungen der Tiroler Landesmuseen aus nächster Nähe: Von November 2022 bis zur Bestellung des neuen Direktors im Dezember 2023 führte Berger zudem interimistisch das Tiroler Landesmuseum, das 1823 gegründet wurde. Darüber hinaus wirkt er in zentralen Fachgremien mit – vom Österreichischen Museumsgütesiegel über den Vorstand des Museums Tiroler Bauernhöfe bis zum Vorsitz des Beirats des Südtiroler Volkskundemuseums. Seit 2026 fungiert er als einer von fünf Tiroler Kulturbotschafter:innen – wir haben nachgefragt, wie er diese Position einordnet und wie es um die Beziehung von Tirols Museen und den Tourismus steht.

Warum ist aus deiner Sicht das Kulturbotschafter:innen-Programm notwendig und was kann der Nutzen für beide Branchen sein?

Karl C. Berger: Mir kommt oft vor, dass Tourismus und Kultur oft überschneidende Anliegen haben, die benützte Sprache aber unterschiedlich ist und deshalb verschiedene Wege gesucht werden. Man versteht den anderen nicht immer. Aus meiner Sicht geht es beim Kulturbotschafter:innen-Programm um einen partnerschaftlichen Dialog, einen fachlichen Austausch von Kompetenzen und damit insbesondere auch um Akzeptanz, beiderseitige Wertschätzung und gegenseitige Wertschöpfung. Die Krux liegt freilich darin, dass es weder den Tourismus gibt, noch die Kultur. Kultur ist von a priori vielschichtig, muss vielschichtig sein – was für eine hohe Sichtbarkeit natürlich nicht immer einfach ist. Das letzte Jahr hat mir aber gezeigt, was möglich ist: dass Kultur in seiner Vielfalt Präsenz erhält, dass stereotype Bilder reflektiert werden oder dass kulturelle Diversität und Vielschichtigkeit Tirols Anliegen sind.

Wo siehst du die größten Berührungspunkte zwischen Kulturinstitutionen und dem Tourismus?

Karl C. Berger: Beide Sparten wollen Menschen zusammenbringen. Beide versuchen, Orte zu beleben. Beide streben eine höhere Sichtbarkeit an. Beiden wollen Ressourcen nutzen und Erlebnisse anbieten. Nachhaltigkeit, Bildung, Regionalität, längere Verweildauer – alles Facetten, die für beide Sparten relevant sind. Solche Berührungen und Überschneidungen bedeuten freilich nicht, dass auch die Interessenslagen und die Gewichtungen ähnlich oder gar ident sind. Selbstverständlich treffen unterschiedliche Perspektiven und Prägungen aufeinander. Gerade dieses Ungleichgewicht macht die Arbeit als Kulturbotschafter interessant und relevant. Tourismus und Kultur agieren nicht passiv, sie sind beide dynamische Akteure.

Viele Touristiker:innen sprechen von authentischen Erlebnissen. Was bedeutet Authentizität aus kultureller Sicht?

Karl C. Berger: Der Begriff ‚authentisch‘ ist ein gutes Beispiel, wie ein Wort ganz unterschiedlich begriffen werden kann. Wer bestimmt, was authentisch ist? Viele Kulturmenschen sind sofort skeptisch, weil „Authentizität“ mit etwas Starrem, Fest- und Zugeschriebenem, mit erfundenen oder zurechtgebogenen Traditionen und deshalb mit einer stereotypen Erwartungshaltung und Inszenierungen verbunden wird. Es wird als ein Konstrukt verstanden, das oft genau das Gegenteil von dem ist, was andere damit verbinden wollen. Eine historische Stube, um ein Beispiel aus dem Volkskunstmuseum zu bringen, wird von uns heute mit Gemütlichkeit, Geborgenheit, Nostalgie und vielleicht auch Entschleunigung in Verbindung gebracht – aber nicht mit sozialer Ungleichheit, Gewalt oder Mühsal. Kulturmenschen würden betonen, dass Kultur als ein andauernder Prozess der Veränderung und Anpassung zu verstehen ist, nicht als ein fertiges Produkt. Deshalb gäbe es Authentizität nicht oder müsse als emotionale Zuschreibung begriffen werden, als Kompensation oder Projektionsfläche.

Die Hofkirche und das Tiroler Volkskunstmuseum zählen zu den bedeutendsten Kulturorten des Landes. Welche Erwartungen bringen Gäste heute mit, wenn sie solche Orte besuchen?

Karl C. Berger: Wir stellen seit einigen Jahren eine unterschiedliche Entwicklung im Volkskunstmuseum und in der Hofkirche fest: Während die Besucherzahlen im Volkskunstmuseum stetig steigen, gehen sie in der Hofkirche ebenso stetig zurück. Ein Grund lieg in einer gewissen Entfremdung: Wir haben schon vor längerer Zeit bemerkt, dass viele unserer Besucher:innen insbesondere die ländlich-bäuerlichen sowie die katholisch-religiösen Objekte im Museum nicht mehr kennen und deshalb nicht mehr verstehen. Hier haben wir aktiv entgegengesteuert und neue Leserichtungen (wie wir sagen) entwickelt, also ein erweitertes, besucher:innenorientiertes Narrativ konzipiert: Wir haben begonnen, Kulturkontakte und interreligiöse Aspekte zu thematisieren, haben die kulturelle Vielfalt angesprochen oder über das Verhältnis von Stadt und Land nachgedacht. Das hat Auswirkungen auf unsere Themenauswahl, aber noch mehr auf die Veranstaltungsorganisation sowie die Zusammenarbeit mit Kooperationspartner:innen. Die Hofkirche, immer noch das kunsthistorisches Highlight Tirols, war lange Zeit eine Art Selbstläufer. Wir merken nun, dass das nicht mehr genügt, weil sich Erwartungen und Interessenslagen der Besucher:innen geändert haben. Die politische Bedeutung der Kirche wird beispielsweise von vielen als interessanter wahrgenommen als Facetten der Kunstgeschichte. Fragen der Barrierefreiheit und Inklusion sind auch in der Hofkirche relevant geworden und wir müssen uns viel genauer überlegen, welche Informationen wie beispielsweise für Familien mit Kindern aufbereitet werden sollen. Es geht also um die Erzählung, um die Aufbereitung von Informationen und um die Vermittlung an Zielgruppen.

Was können Tourismusregionen von Museen und Kulturinstitutionen lernen, wenn es um Vermittlung und Besucherorientierung geht? Und umgekehrt: Was kann sich die Kultur vom Tourismus abschauen?

Karl C. Berger: Gegenseitige Lerneffekte und Diskussionen gäbe es viele, ich bleibe beim Beispiel der Zielgruppen: In einem Museum wurde lange Zeit vorwiegend die gesammelten Objekte nach einem Ordnungsschema ausgestellt. Dann wurden Themen und die Frage, was durch die Objekte eigentlich vermittelt werden soll, wichtiger. Dass dabei auf die Bedürfnisse von Besucher:innen eingegangen werde muss, ist erst verspätet ins Bewusstsein gerückt. Zumeist aber sind die definierten Zielgruppen sehr groß und vage gehalten: Schulklassen, Studierende, Touristen, Einheimische,… Die Analysen im Tourismus sind diesbezüglich differenzierter und ausgeklügelter – da kann man sich einiges abschauen. Andererseits müssen für ein Museum auch zahlenmäßig kleine, sozial benachteiligte und marginalisierte Gruppen relevant sein, weil Aspekte der Demokratie, der soziale Teilhabe und damit auch der Akzeptanz zentral sind: Mit Blick auf den Tourismus und Fragen zum Rückhalt in der Bevölkerung, der wirtschaftlichen Wertschöpfung oder des Zugang zur touristischen Infrastruktur ergeben sich viele hochspanende Diskussionen.

Wo erlebst du noch Vorurteile oder Missverständnisse zwischen den Kultur und Tourismus?

Karl C. Berger: Im Tourismus zähle nur das „Mehr“ und er sei ausschließlich ökonomisch orientiert. Die Wünsche der Einheimische wären deshalb irrelevant. Hochglanz siege über Qualität, Schein sei wichtiger als Sein. Dahingehend sei Kultur nur ein übersubventioniertes Schlechtwetterprogramm. Kulturmenschen würden im elitären Elfenbeinturm leben, ohne wirtschaftliche Kompetenz. Kultur fordere nur, zeige sich aber unflexibel gegen Anpassungen. – Das alles sind alte Stereotype, die mir immer wieder begegnen und die leider manchmal sogar ihre Bestätigung finden und sich deshalb auch verfestigen. Es gilt also, diese Bilder in den Köpfen zu korrigieren: durch ein kooperatives Zusammenwirken auf Augenhöhe, durch gemeinsame Ziele, durch das willige und konstruktive Umsetzen von Gegenbeispielen – oder durch das Kulturbotschafter:innen-Programm.

Woran würdest du persönlich erkennen, dass das Kulturbotschafter:innen-Programm ein Erfolg ist?

Karl C. Berger: Für mich ist das Programm jetzt schon ein Erfolg und das hat auch mit Sarah Blümel zu tun, die sehr viel Wissen, Feingefühl und Engagement in das Ineinandergreifen zwischen Kultur und Tourismus steckt. Die ersten Monate war durch ein Zusammenfinden geprägt, durch einen Austausch, welche Erwartungshaltungen und Kernaufgaben eigentlich mit dem Programm verbunden sind. Es war auch wichtig darüber zu sprechen, wie breit Kultur verstanden werden kann. Ich nehme wahr, dass Inputs aufgegriffen und Bedenken ernstgenommen werden – und das von beiden Seiten. Kommunikation und Austausch kommen ins Rollen. Die Reise hat aber erst begonnen. 

Zum nächsten Interview

Gerhard Burtscher 

Vorstandsvorsitzender der BTV Vier Länder Bank