

Der Weg in den Tourismus ist für den jungen Franz Tschiderer keineswegs vorgezeichnet. Obwohl aus einer Serfauser Hotelier-Dynastie zieht es ihn vorerst in die akademische Welt zum Wirtschaftsstudium an die renommierte Universität in St. Gallen. Auch nach dem Studium bleibt er in der Schweiz, wirkt drei Jahre lang als Forschungsassistent, schreibt wissenschaftliche Aufsätze, reist um die Welt und begeistert sich für die großen Resorts Nordamerikas, die den Wintertourismus neu definieren. Am Ende steht eine Dissertation über Destinationsentwicklung – und die Erkenntnis, dass die Alpen weit hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. „In den Siebzigerjahren gab es im Alpenraum keinen Innovationsdruck", sagt Tschiderer heute. „Tourismus war ein Selbstläufer. Niemand machte sich Gedanken über den nächsten Winter hinaus."
Was ihn in St. Gallen wirklich prägt, geht über wissenschaftliche Literatur hinaus, ist ein Denkansatz, der ihn ein Leben lang faszinieren wird: die Systemtheorie. Die Idee, dass ein komplexer Organismus nur dann funktioniert, wenn seine Teile aufeinander abgestimmt sind und ein gemeinsames Ziel verfolgt wird. Diese Theorie mit der touristischen Praxis zu verbinden, wird fortan zum Leitstern einer außergewöhnlichen Karriere. 1981 kehrt er mit seiner Dissertation zurück nach Serfaus. Das elterliche Hotel, das Bergdorf Serfaus, später die gesamte Region wird zu seinem Labor.
Kein klassischer Hotelier zu sein, ist für Franz Tschiderer kein Manko. Sein Intellekt, seine analytische Präzision, seine Eigenart neue Wege zu sehen, lassen ihn schnell ausgetretene Pfade verlassen. Während andere jeden Abend von Tisch zu Tisch flanieren, um ihre Gäste zu begrüßen, brennt er für die Frage: Wie entwickelt man ein Produkt, das wirklich funktioniert? Die Antwort findet der junge Familienvater unverhofft, auf Umwegen im Urlaub. Mit seiner Frau Sabine und der dreijährigen Tochter Michaela landet das Paar in einem Kurhotel in Kärnten. Das quirlige Kind passt so gar nicht in den beschaulichen Hotelalltag, die Tschiderers fühlen sich bald fehl am Platz. Diese banale Alltagsbeobachtung wird zum Schlüsselmoment, der die Ausrichtung des eigenen Betriebs revolutioniert.
Ein radikaler Kurswechsel ist die Folge. Das Hotel Löwen in Serfaus, bislang ein solides Haus ohne besondere Ausrichtung, verwandelt sich in ein Kinderparadies. Tschiderer erinnert sich: „Der Kindergarten wuchs auf zwei Stockwerke, die Zimmer wurden für Familien vergrößert, die Löwenbar zur Spielzone.“ Die Folge: Stammgäste wandern ab, langjährige Mitarbeiter kündigen, im Dorf wird getuschelt. „Die dachten, ich spinne", erzählt Tschiderer. Er galt als der Studierte, der keine Ahnung vom Bergdorf habe. Drei Jahre später wird der Kindergarten bereits zu klein. Das Tuscheln verebbt, der Erfolg gibt ihm recht. Tschiderer hatte nicht bloß eine Nische entdeckt, er hatte sein theoretisches Wissen als Hotelier genützt, seinen systemischen Ansatz in die unternehmerische Praxis transferiert. Sein Motto lautet: Die ganze Energie auf die Zielgruppe Familie zu bündeln und dabei kein Sowohl-als-auch, keine Kompromisse zu dulden. Im legendären ZEIT-Portrait von Florian Gasser aus dem Jahr 2017 kann man seine Überzeugung nachlesen: „Es gibt keine bessere Strategie, als die Kräfte zu bündeln, so wie es Clausewitz in ‚Vom Kriege‘ geschrieben hat.“
Als Franz Tschiderer 1988 das Obmann-Amt des Tourismusverbandes Serfaus übernimmt, beginnt die zweite, größere Etappe seines Lebenswerks. Der systemtheoretische Ansatz, der das Hotel Löwen zum Kinderhotel gemacht hatte, sollte nun eine größere Einheit erfassen. Alle Leistungsträger – Hotels, Skischulen, Bergbahnen, Gastronomie – werden auf eine einzige Zielgruppe verpflichtet: Familien. Den kompromisslosen Erfolgsweg skizzieren Wegbegleiter heute augenzwinkernd so: Wer nicht mitzog, wurde überstimmt. Wer mitzog, profitierte.
Im Jahr 2005 vollendet Tschiderer schließlich sein Werk: Die drei eigenständigen Tourismusverbände Serfaus, Fiss und Ladis fusionieren. Er übernimmt die Führung des Gesamtverbandes und steht bald auch dem Tirol Tourism Board vor – dem obersten Tourismusgremium des Landes, mächtige Schnittstelle zur Politik. Längst gilt er als Erfolgsarchitekt einer Region, die europaweit zu einer der führenden Erfolgsdestinationen im Alpenraum aufgestiegen ist. Und als Mitbegründer des Verbandes der Tiroler Tourismusverbände auch als Taktgeber und Dirigent einer Branche, für die er sich nach wie vor leidenschaftlich engagiert. Den großen Auftritt suchte er dabei nie, bleibt im Hintergrund und zieht von dort wirkungsvoll die Fäden. Einmal mehr beweist er sich in der ZEIT als Meister der Selbstanalyse: „Ein Regisseur kann mehr bewirken als ein Schauspieler.“
Angesprochen auf sein Erfolgsgeheimnis beweist er auch heute noch analytische Klarheit. Eine Vision könne man nur umsetzen, wenn alle Kräfte zusammenwirken, dafür müsse man sorgen. „Das Führungsnetzwerk in unserer Region war immer stabil und ist es bis heute geblieben. Darum muss man kämpfen."
Mit demselben klaren Blick, mit dem er einst das Potenzial der Familiendestination erkannte, richtet er auch heute seinen Fokus auf die Herausforderungen der Tourismuswirtschaft und benennt sie klar. Der Klimawandel verändere den Wintertourismus strukturell. „Die Nachfrage im Spätwinter trübt sich ein, die Lust auf Winterurlaub nimmt ab März merklich ab. Regionen, die darauf nicht reagieren, werden es schwer haben.“ Zudem sei die Hotellerie in einer schwierigen Situation, qualifiziertes Personal sei Mangelware, während die Betriebskosten – Energie, Strom, Rohstoffe – stark steigen. „Die Umsätze pro Bett sind real seit 2019 nahezu unverändert, die Wertschöpfung stagniert, die Rendite geht zurück", sagt Tschiderer. „Das ist eine ernste Entwicklung."
Umso mehr kämpft er für den Erhalt jenes Modells, das Tirol stark gemacht hat: das Tiroler Tourismusgesetz. Es sorgt dafür, dass die Erträge des Tourismus in den Regionen bleiben und dort reinvestiert werden – ein wirtschaftlicher Kreislauf, der Wohlstand schafft und die Akzeptanz in der Bevölkerung gerade in tourismusintensiven Regionen hochhält. „So können Tourismusverbände ihre Gestaltungskraft behalten und ihre Beiträge für die Lebens- und Freizeitqualität im Lebensraum voll entfalten", ist Tschiderer überzeugt.
Am 1. Juli hat Franz Tschiderer beim Tiroler Tourismusforum den Touristica Award für sein Lebenswerk erhalten. Rückwirkend betrachtet mag sein Wirken einem Masterplan gefolgt sein. Er selbst würde das in seiner Zurückhaltung und Bescheidenheit verneinen. Vielleicht würde er sagen, er habe nur Dinge zu Ende gedacht. Tatsächlich haben sein Intellekt, sein fundiertes Wissen, seine scharfe Beobachtungsgabe gepaart mit Managementstärke tiefe Spuren hinterlassen. Auch wenn der Schlagzeuger der „Sparks" längst aufgehört hat zu spielen, den Takt gibt Franz Tschiderer bei entscheidenden Weichenstellungen der Tourismusentwicklung noch immer an. Wie seit Jahrzehnten wirkt er auch heute noch im Hintergrund und wurde so zu einer überragenden Persönlichkeit der Branche – zu einem Tourismustitan, wie es ihn in Tirol nicht zweimal gibt.