Was entsteht, wenn ein Orchester den Konzertsaal verlässt und auf 2.340 Meter Höhe spielt? Für Gerhard Sammer ist „Klassik am Berg“ mehr als ein Konzert an einem ungewöhnlichen Ort: Der künstlerische Leiter des Tiroler Kammerorchesters InnStrumenti interessiert sich dafür, wie Ort, Musik und Publikum miteinander in Beziehung treten und dadurch neue Konzerterfahrungen entstehen. Sammer ist Professor für Musikpädagogik an der Musikhochschule Würzburg, lehrt an der Freien Universität Bozen und ist regelmäßig als Aufnahmeleiter für ORF/Ö1 tätig. Als Sprecher des Musikbeirats des Landes Tirol und Tiroler Kulturbotschafter setzt er sich zudem für eine stärkere Vernetzung von Kultur und Tourismus ein. Im Gespräch erzählt er, warum das Konzerterlebnis schon mit der Anreise beginnt, was Kulturangebote für neue Publikumsgruppen attraktiv macht und welche Chancen entstehen, wenn Kultur und Tourismus gemeinsam neue Räume für Begegnung schaffen.
Klassik am Berg findet auf 2.340 Metern statt. Wie kommt man auf die Idee, ein Orchesterkonzert auf den Berg zu bringen?
Gerhard Sammer: InnStrumenti hat von Beginn an darüber nachgedacht, wo und in welchem Kontext Musik stattfindet und wie dadurch neue Konzerterfahrungen entstehen können. Offenheit und Mut für neue Konzertformate gehörten eigentlich schon zu den Gründungsideen des Orchesters.
Bei Klassik am Berg war die Grundidee: Wir wollten die Besonderheit unseres alpinen Lebensraums nutzen, den klassischen Konzertsaal in die Berge verlagern und damit ein ganz besonderes musikalisches Erlebnis ermöglichen. Wir haben inzwischen ja schon einige Berge bespielt und dabei viel erlebt und gelernt: vom Patscherkofel, wo es uns die Agrargemeinschaft Patsch dann leider aufgrund der notwendigen Sonntagsruhe für die Kühe nicht mehr erlaubte, über die Mutterer Alm bis in der Axamer Lizum. Dort konnten wir heuer nun auf 2340m Höhe drei Konzerte realisieren – und es war einfach ein tolles Erlebnis für Publikum und Musiker:innen gleichermaßen, das bei mir immer noch nachschwingt.
Mich interessiert insbesondere die Wechselwirkung von Musik, Ort und Publikum. Die Landschaft wird Teil der Inszenierung, ohne dass wir sie inszenieren müssten. Gleichzeitig entsteht eine ganz besondere Atmosphäre. Ich würde das als Paradebeispiel für ein alpin-urbanes Kulturerlebnis bezeichnen: Der Kulturraum wird bis ins Hochgebirge erweitert. Trotzdem wollen wir dort nicht einfach ein populäres Unterhaltungsprogramm präsentieren, sondern ganz bewusst hohe künstlerische Qualität mit stilistischer Offenheit und Crossover verbinden – etwa mit Jazz, Tango oder Neuer Volksmusik – und geben auch jungen herausragenden Solist:innen eine Bühne.
Bei Klassik am Berg wird der Weg zum Konzert selbst Teil des Erlebnisses – ob mit der Bergbahn oder zu Fuß. Ist das für Sie in erster Linie ein Konzert oder bereits ein touristisches Angebot?
Gerhard Sammer: Ich glaube, gerade die Tatsache, dass man diese Frage nicht eindeutig beantworten kann, macht den Reiz des Formats aus. Natürlich steht für uns als Orchester die Musik im Zentrum. Aber bei Klassik am Berg beginnt das Konzerterlebnis eben nicht erst mit dem ersten Ton. Für die Konzertbesucher:innen ist schon die Anreise Teil des Gesamterlebnisses. Sie begegnen bereits auf dem Weg zum Konzert kleineren Musikgruppen des Orchesters – etwa in der Tal- oder Mittelstation – und finden sich schließlich an einem ungewöhnlichen Konzertort zusammen. Das entspricht einer Erfahrung, die wir bei InnStrumenti auch in anderen Formaten gemacht haben: Das Neue muss nicht ausschließlich in der Musik selbst liegen. Es kann ebenso im Umgang mit dem Raum, in der Verbindung verschiedener Kunstsparten oder in der Kommunikation mit dem Publikum entstehen.
Insofern würde ich Klassik am Berg tatsächlich als kulturelles und touristisches Gesamterlebnis verstehen. Entscheidend ist für mich aber, dass die Musik dabei nicht zur bloßen Kulisse für ein touristisches Produkt wird. Idealerweise passiert genau das Gegenteil: Der außergewöhnliche Ort öffnet die Wahrnehmung für die Musik – und die Musik wiederum lässt uns den Ort anders erleben. Dabei achten wir in der Programmkonzeption darauf, dass die Musik auch mit der besonderen Lage am Berg korrespondiert.
Klassische Musik gilt für manche nach wie vor als elitär oder schwer zugänglich. Was muss ein Kulturangebot mitbringen, damit sich auch Menschen angesprochen fühlen, die sonst vielleicht nicht ins Konzert gehen würden?
Gerhard Sammer: Eine unserer Grundüberzeugungen bei InnStrumenti ist, dass künstlerischer Anspruch und Niederschwelligkeit keine Gegensätze sein müssen. Es darf und muss kein Widerspruch sein, Musikkenner:innen zu begeistern und gleichzeitig Menschen zu erreichen, die wenig oder gar keine Konzerterfahrung haben. Genau darin sehen wir eine wichtige Aufgabe von Audience Development und Musikvermittlung.
Gerade bei Kindern und Jugendlichen erleben wir sehr deutlich, dass es wenig bringt, einfach ein bestehendes Konzertprogramm zu verkürzen und es dann als Vermittlungsangebot zu deklarieren. Ein Format muss wirklich von der jeweiligen Zielgruppe aus gedacht werden. Bei unseren Schüler:innenkonzerten Ab InnS’ Konzert stehen deshalb bewusst nicht einzelne Werke oder der Gedanke im Vordergrund, ein zukünftiges Konzertpublikum „heranzuzüchten“. Entscheidend ist die Frage: Was brauchen junge Menschen, damit ein Konzert für sie jetzt ein bereicherndes Erlebnis wird? Unsere Erfahrung ist, dass es dafür Mut, Humor, Kreativität, Erfahrung mit der Zielgruppe und gleichzeitig einen hohen Qualitätsanspruch braucht.
Bei unseren Schüler:innenkonzerten haben wir gesehen, wie wichtig beispielsweise eine altersgemäße Moderation, die Einbindung junger Solist:innen und eine gut portionierte Dramaturgie sind – letztlich der Versuch, möglichst nahe an den Zuhörer:innen zu sein.
Die entscheidende Frage ist für mich weniger, wie wir Menschen zur klassischen Musik bringen, sondern wie wir Situationen schaffen, in denen eine echte Begegnung mit Musik möglich wird.
Was kann die Verbindung von Kultur und Tourismus bei solchen Formaten leisten, was beide Bereiche allein nicht schaffen würden?
Gerhard Sammer: Im besten Fall entsteht durch die Verbindung etwas, das mehr ist als die Addition von Konzert und touristischem Angebot. Der Tourismus verfügt über Orte, Infrastruktur, Reichweite und Zugänge zu Menschen, die wir als Kulturschaffende vielleicht gar nicht erreichen würden. Kultur wiederum kann einem Ort eine zusätzliche Bedeutungsebene geben. Ein Berg ist dann nicht nur Aussichtspunkt oder Wanderziel, sondern wird zum Kulturraum und zum Ort einer gemeinsamen ästhetischen Erfahrung.
Das passt sehr gut zu einer Grundhaltung von InnStrumenti. Uns hat immer interessiert, was passiert, wenn man starre Grenzen überschreitet – zwischen musikalischen Genres, zwischen Kunstsparten oder zwischen Künstler:innen mit unterschiedlichen Erfahrungshorizonten. Gerade aus solchen Vernetzungen entstehen oft überraschende Ergebnisse.
Interessant wird es deshalb dort, wo Kultur nicht einfach als zusätzliches touristisches „Programm“ angeboten wird, sondern beide Seiten gemeinsam überlegen: Welche Erfahrung können wir an diesem konkreten Ort ermöglichen, die anderswo so nicht möglich wäre? Klassik am Berg ist dafür ein schönes Beispiel, denn erst aus der Verbindung von Berg und Musik entsteht die Besonderheit.
Wo sehen Sie Chancen für Kulturveranstalter:innen und Touristiker:innen, stärker zusammenzuarbeiten?
Gerhard Sammer: Ich sehe sehr große Chancen, wenn es echte Dialogpartner:innen auf Augenhöhe gibt und Raum für kreative Ideen entsteht, die man gemeinsam entwickeln und realisieren kann. Dementsprechend sollte die Zusammenarbeit früh ansetzen und über gegenseitige Vermarktung hinausgehen. Also nicht: Die Kulturschaffenden entwickeln ein fertiges Konzert und der Tourismus bewirbt es anschließend. Spannender wird es, wenn beide Seiten bereits bei der Entwicklung eines Formats zusammendenken.
Wir haben bei InnStrumenti generell sehr gute Erfahrungen mit Kooperationen und Vernetzung gemacht. Viele unserer heutigen Konzertformate funktionieren genau deshalb, weil unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen – Musik und Literatur bei klang_sprachen, Musik und Schauspiel bei Ope[r]n Air, Nachwuchsförderung und Neue Musik bei Junge Solist:innen am Podium usw.
Für Kulturschaffende bedeutet eine stärkere Zusammenarbeit mit dem Tourismus die Chance, gemeinsam neue Ideen zu entwickeln, zusätzliche Ressourcen zu erschließen sowie neue Räume und neue Publikumsgruppen zu erreichen. Kulturaktivitäten dürfen dabei durchaus auch fordern. Gleichzeitig können sie touristischen Orten ein unverwechselbares Profil geben und Erlebnisse schaffen, die nicht beliebig austauschbar sind. Trotz des Wissens um die hohe Wertschöpfung von Kulturveranstaltungen würde ich sehr dafür plädieren, nicht nur in Kategorien wie Besucherzahlen oder Reichweite zu denken. Entscheidend ist die Qualität der Begegnung. Wenn Menschen nach einem solchen Erlebnis sagen: So habe ich diesen Ort noch nie wahrgenommen – oder: So habe ich ein Orchester noch nie erlebt –, dann haben Kultur und Tourismus gemeinsam etwas erreicht, das keiner von beiden allein hätte schaffen können.