Esther Strauß und Rosanna Dematté

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„Tirols Landschaft ist immer auch ein Kulturraum.“

Interview mit Esther Strauß und Rosanna Dematté 

Eine Installation auf knapp 2.700 Metern Höhe für etwas, das Tirols Landschaft, Kultur sowie Identität prägt und doch langsam verschwindet: Mit dem „Denkmal für Schnee“ haben die Tiroler Landesmuseen und die Künstlerin Esther Strauß ein außergewöhnliches Kunstprojekt in den Tuxer Alpen geschaffen. Ein 80 Zentimeter langer Messingschriftzug auf einer namenlosen Bergspitze, ein Audioweg und die alpine Landschaft selbst machen die Auswirkungen der Klimakrise unmittelbar erfahrbar. Im Interview sprechen Esther Strauß und Kuratorin Rosanna Dematté darüber, warum Museen neue Wege gehen, wie Kunst den Blick auf Tirols Natur- und Kulturraum verändert und welche Impulse daraus auch für den Tourismus entstehen.

Frau Strauß, Frau Dematté – ein „Denkmal für Schnee“ auf knapp 2.700 Metern Höhe ist kein klassischer Museumsort. Warum musste dieses Projekt genau dort entstehen?

Esther Strauß: Ich habe auf einer namenlosen Spitze in den Tuxer Alpen auf knapp 2.700 Höhenmetern einen zarten, 80 Zentimeter langen Messingschriftzug angebracht. Die drei Worte Denkmal für Schnee verwandeln den Berg in den Sockel eines Denkmals, das dem langsamen Verschwinden des Schnees gewidmet ist. Der Berg, der für mich ein Naturdenkmal ist, wird so auch zum Kunstwerk. Eine Skulptur seiner Größe findet in keinem Museum Platz. Als Denkmal erzählt der Berg schon jetzt von dem Tag, an dem auf seiner Spitze einmal der letzte Schnee schmelzen wird. Denkmäler kommen ja normalerweise immer zu spät. Das Denkmal für Schnee hingegen betrauert einen Verlust, noch bevor er eingetreten ist. Es lädt dazu ein, sich von all dem zu verabschieden, was durch die Klimakrise verloren gegangen ist. Vielleicht hilft uns die Trauer dabei, vom Wissen ins Handeln zu kommen und den Teil unserer Zukunft zu retten, der sich retten lässt.

Warum haben sich die Tiroler Landesmuseen bewusst dafür entschieden, ein Projekt außerhalb ihrer eigenen Mauern zu realisieren?

Rosanna Dematté: Das Ferdinandeum, jenes Haus der Tiroler Landesmuseen, in dem die bildende Kunst im Mittelpunkt steht, befindet sich derzeit im Umbau. In dieser Phase hat sich das Museumsteam entschieden, in anderen Regionen und Häusern präsent zu sein. Projekte im öffentlichen Raum erlauben uns, die Relevanz der Museumsarbeit in der Gesellschaft auszuloten. Wir kommen in unmittelbaren Kontakt mit den Themen, die die Menschen aktuell beschäftigen. Esther Strauß' Konzept für Denkmal für Schnee haben wir als eine ebenso wichtige wie produktive Herausforderung erkannt. Als Hauptpreisträgerin des RLB Kunstpreis 2024 hätte sie eine Ausstellung im Ferdinandeum realisieren sollen. Gemeinsam haben wir den Schutzraum des Museums verlassen: Das Museum erweitert sprichwörtlich seinen Horizont,  indem es sich auf eine Gratwanderung am Berg einlässt, und Esther Strauß eröffnet einen neuen, wichtigen Werkkomplex in ihrem Œuvre zum Thema Klimakrise.

Welche Themen werden Museen in den kommenden zehn Jahren stärker beschäftigen?

Rosanna Dematté: In den nationalen und internationalen Gremien, in denen die museale Arbeit reflektiert wird, zählen Offenheit, Barrierefreiheit, Demokratie und Nachhaltigkeit in ihren unterschiedlichen Facetten zu den wichtigsten Aufgabenfeldern – das gilt auch für die Tiroler Landesmuseen. Museen handeln in der und für die Welt. Wenn die Welt komplexer wird, so sind Museen als Orte der Vermittlung und Wissensaustauschs auch Räume, in denen wir uns gemeinsam mit Komplexität befassen können, mit Herz und Verstand. Klimawandel und Klimakrise gehören zu den dringendsten und komplexesten Themen der Gegenwart. Tirol verfügt mit der Naturwissenschaftlichen Sammlung der Tiroler Landesmuseen über eine große wissenschaftliche Kompetenz. Sie erforscht die Biodiversität Tirols im Rahmen international vernetzter Projekte. Auf dieser Kompetenz aus den Tiroler Landesmuseen  können wir bei der Sensibilisierung der Gesellschaft aufbauen. Ein Ziel sollte sein, dass niemand sich angesichts gegenwärtiger, überwältigender Krisen alleingelassen fühlen muss. Die künstlerische Praxis trägt dazu bei, neue Denkräume, Erzählformen, Gefühlsebenen, Möglichkeiten der Teilhabe und Verbundenheit zu schaffen.

Und Teilhabe ist ein Grundbedürfnis der Menschen, sowohl für diejenigen, die hier leben, als auch für jene, die nach Tirol kommen.

Was verändert sich, wenn Kunst nicht im White Cube, sondern mitten in der Landschaft erlebt wird?

Esther Strauß: Die Klimakrise ist am Berg besonders direkt erlebbar, denn die Berge sind als Landschaft und Ökosystem ebenso wie die Menschen von der Klimakrise betroffen. Der Permafrostboden taut auf, Muren und Bergstürze mehren sich, Schnee und Gletscher ziehen sich zurück. Das bringt auch viele Tier- und Pflanzenarten in Gefahr. Am Glungezer ist eine der besonders betroffenen Arten das Zwerg-Alpenglöckchen, das ohne Schneedecke im Winter erfrieren muss. Berge sind für viele Menschen ein inspirierender Ort. Wir sollten uns entsprechend gut um sie kümmern und im Moment können wir das am effektivsten tun, indem wir die Treibhausgasemissionen senken. Wenn wir die Natur schützen, schützen wir auch uns selbst.

Welche Chancen sehen Sie darin, Tirols Landschaft nicht nur als Natur-, sondern auch als Kulturraum zu vermitteln?

Rosanna Dematté: Tirols Landschaft ist – wie jeder Ort der Erde, an dem Menschen leben – immer auch ein Kulturraum. Menschen gestalten diese Landschaft, etwa durch Architektur, und treten auf unterschiedliche Weise mit der Natur in Kontakt. Aus diesen Beziehungen entsteht Kultur: Handwerk, Sprache, Musik, Geschichten, Bilder oder Rezepte. Kultur deutet, strukturiert und prägt unsere Wahrnehmung von Landschaft. Auch die Vorstellung der Landschaft als „Naturraum“ ist Ergebnis einer kulturellen Deutung, die sich über die Jahrhunderte verändert, wie uns die Geschichte der Kunst zeigt. Vielleicht könnten wir damit anfangen, die Bilder dieses „Naturraums“ zu analysieren. Eine Fotografie, die eine unangetastete, menschenleere Natur zeigt, ist immer auch Ergebnis einer kulturellen Prägung. Sie wurde von einem bestimmten Menschen in einem bestimmten Kontext fotografiert. Oft stehen die Bilder Tirols in der Tradition eines Blicks, der aus der Geschichte des Alpinismus hervorgegangen ist und den wir, die in Tirol im Bereich Kultur und Tourismus arbeiten, reflektieren sollten. Wer sind die Urheber:innen der Ikonografie des Landes? Wer ihre Rezipient:innen? Kommt auch der Blick jener Menschen vor, die in und mit dieser Landschaft arbeiten? Wie würden sie Natur- und Kulturraum definieren? Wie unterscheiden sich die Darstellungen Tirols je nach Geschlecht, Alter, sozialer Position und Lebensrealität? Welche Vielfalt der Perspektiven auf Tirols Landschaft wollen wir sichtbar machen?

Besteht die Gefahr, dass Kunst im Naturraum zur bloßen Kulisse für Selfies wird? Wie kann man dem entgegenwirken?

Esther Strauß: Für mich ist entscheidend, dass Kunstwerke nicht wahllos in die Landschaft gesetzt werden, sondern an ihre Geschichte anknüpfen und mit ihr im Austausch sind. Das kann auf sehr unterschiedliche Weisen gelingen. Im Kontext der Klimakrise schätze ich Kunstwerke, die unsere Art zu leben und zu wirtschaften in Frage stellen. Werke denen das gelingt, sind nie einfach nur Kulisse.

Sollte ein Museum touristisch denken oder widerspricht das seinem kulturellen Auftrag?

Rosanna Dematté: Museen wollen heute Räume der Identifikation, des Wohlbefindens, der Freude sein, in denen Erkenntnis aus Erfahrung und Erleben entstehen kann. Museen wollen heute offene, gastfreundliche und barrierefreie Orte der Teilhabe sein. Damit richten sie sich selbstverständlich auch an Menschen, die Tirol besuchen und sich mit Geschichte oder den Geschichten des Landes auseinandersetzen wollen. Also ja, ein Museum sollte auch touristisch denken, wenn es für unterschiedliche Zielgruppen denkt.

Glauben Sie, dass Kunst Menschen anders erreicht als wissenschaftliche Fakten?

Esther Strauß: Auf jeden Fall. Aber ich bin überzeugt, dass sich Kunst und Wissenschaft gegenseitig brauchen und dass Austausch sehr fruchtbar ist. Das sieht man gerade in der Auseinandersetzung mit der Klimakrise deutlich. Dank Klimaforscher:innen wie Georg Kaser oder Helga Kromp-Kolb wissen inzwischen viele Menschen, dass die Klimakrise eine Bedrohung für uns ist. Trotzdem fällt es vielen von uns – auch mir – schwer, dementsprechend zu handeln. Die Kunst kann ein Raum sein, in dem wir vom Wissen ins Begreifen kommen und zu spüren beginnen, was wir retten wollen, was uns wirklich wichtig ist. Ich glaube sie hilft dabei, Gefühl und Verstand zu verbinden. Um der Klimakrise zu begegnen, brauchen wir beides.

Wenn Sie einer Tourismusdestination einen Rat geben könnten, die stärker mit Museen zusammenarbeiten möchte – welcher wäre das?

Rosanna Dematté: Sie sollen sich die gelungenen Beispiele im Land anschauen, etwa die Zusammenarbeit der Ötztaler Museen unter der Leitung von Edith Hessenberger mit den regionalen Tourismusorganisationen. Museen werden durch Kooperationen mit unterschiedlichen Partner:innen sichtbarer und können ihre gesellschaftliche Relevanz stärken. Ein wichtiger Schritt in dieser Richtung ist der Verein tiMus (Verband Tiroler Museen) und die neue Servicestelle für Museen und regionale Kulturarbeit des Landes Tirol, die von Johanna Böhm geleitet wird.

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Karl C. Berger

Leiter des Tiroler Volkskunstmuseums