Trailrunning hat sich in den vergangenen Jahren vom Szenephänomen zu einem ernstzunehmenden touristischen Thema entwickelt. Als Tourismusexperte und Spezialist für alpine Produktentwicklung entwickelt und realisiert Gerhard Gstettner Trailrunning-Konzepte für Destinationen. Im Interview ordnet er die Entwicklung ein und zeigt auf, welches Potenzial sich daraus für Destinationen ergibt und worauf es jetzt ankommt.
Wie hat sich Trailrunning in den letzten Jahren entwickelt?
Trailrunning hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Was einst als Nischensport galt, verzeichnet heute international starke Wachstumsraten. Insbesondere bei Events steigen die Teilnehmerzahlen kontinuierlich. Laut einer Analyse von RunRepeat in Zusammenarbeit mit World Athletics ist die Teilnahme an Trailrunning-Events in den vergangenen zehn Jahren um rund 231 % gestiegen (RunRepeat & World Athletics, The State of Trail Running, 2022). Das ist ein klares Signal für die zunehmende Relevanz der Sportart. Trailrunning ist längst im Mainstream angekommen. Die zunehmende Präsenz von Marken, Medien und sogar großen Handelsketten unterstreicht, dass sich der Sport zu einem festen Bestandteil des Outdoor-Marktes entwickelt hat.
Auffällig ist dabei vor allem der Wandel der Zielgruppe. Trailrunning spricht heute deutlich jüngere Menschen an als noch vor einigen Jahren. Für viele ist der Einstieg nicht mehr der klassische Straßenlauf, sondern direkt das Laufen im Gelände. Laut einer aktuellen Studie von Common Ground sammeln bereits rund 20% der Gen Z ihre erste Lauferfahrung im Trailrunning (Common Ground, The New Trail, 2025). Der Sport wird immer stärker Teil eines modernen Outdoor-Lifestyles, geprägt durch Social Media, Communitys und Markenpräsenz. Themen wie Naturerlebnis, Gemeinschaft und persönliche Herausforderung stehen im Vordergrund. Community-Formate wie gemeinsame Läufe oder informelle Treffpunkte gewinnen an Bedeutung und spiegeln das Bedürfnis nach Austausch und gemeinsamen Erlebnissen wider.
Welche Rolle spielt Trailrunning mittlerweile für touristische Destinationen?
Für Destinationen besonders relevant: Trailrunning entwickelt sich zunehmend vom Nebenprodukt zum buchungsentscheidenden Motiv. Gäste reisen gezielt an, um Trails zu laufen. Besonders attraktiv ist dabei die hohe Wetterunabhängigkeit der Zielgruppe. Trailrunner:innen üben auch bei weniger idealen Bedingungen ihren Sport aus. Für Destinationen und Betriebe bedeutet das eine stabilere Auslastung und Gäste, die ihren Aufenthalt aktiv gestalten, insbesondere außerhalb der Sommermonate.
Welche Chancen bietet Trailrunning im Kontext Ganzjahrestourismus?
Ein zentraler Vorteil: Trailrunning funktioniert nahezu ganzjährig. Während klassische Sommerangebote stark wetterabhängig sind, bleibt Trailrunning auch in Übergangszeiten und im Winter attraktiv mit angepasster Ausrüstung und entsprechenden Routen. Gerade in den Übergangszeiten kann Trailrunning dazu beitragen, Nebensaisonen gezielt zu beleben. Gleichzeitig profitieren Destinationen davon, dass keine zusätzliche Infrastruktur notwendig ist: Bestehende Wege können genutzt werden – vorausgesetzt, sie werden sinnvoll aufbereitet.
Was macht ein gutes Trailrunning-Angebot aus?
Ein häufiger Irrtum: Dass vorhandene Wanderwege automatisch auch Trailrunning-Angebote sind. Entscheidend ist vielmehr eine gezielte Produktentwicklung und Kuratierung der Strecken. Erfolgreiche Angebote zeichnen sich durch eine abwechslungsreiche Streckenführung mit unterschiedlichen Belastungsphasen aus, also ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Anstieg und laufbaren Passagen. Dazu gehörten außerdem klare Informationen zu Schwierigkeit, Länge und Orientierung. Trailrunning-Gäste erwarten Orientierung und Inspiration ähnlich wie bei kulturellen Angeboten. Wer lediglich bestehende Wege „umetikettiert“, bleibt im Wettbewerb unsichtbar.
Neben klassischen Produkten gewinnen Community-Formate an Bedeutung. Gemeinsame Runs, offene Treffpunkte oder einfache Einstiegsangebote senken die Hürde und sprechen neue Zielgruppen an. Diese Formate sind oft nicht kommerziell, können aber einen wichtigen Beitrag zur Verankerung des Themas in der Region leisten.
Wie wichtig sind Orientierung und Beschilderung?
Auch wenn viele Trailrunner digital navigieren, bleibt Orientierung ein wichtiges Thema. Eine Kombination aus digitalen Routen (GPX-Tracks), klarer Beschreibung und punktueller Beschilderung schafft Sicherheit und Vertrauen insbesondere für Einsteiger:innen. Gleichzeitig spielt die Inszenierung des Angebots eine zentrale Rolle: attraktive Startpunkte, erlebbare Strecken und ein stimmiges Gesamtbild entscheiden darüber, ob eine Region als Trailrunning-Destination wahrgenommen wird.
Welche Rolle spielen Events für die Positionierung?
Trailrunning-Events können wichtige Impulse setzen und Sichtbarkeit schaffen. Sie sind jedoch mittlerweile kein Muss für eine erfolgreiche Positionierung. Entscheidend bleibt ein funktionierendes Basisangebot. Events entfalten ihre Wirkung vor allem dann, wenn sie auf einem bestehenden Produkt aufbauen und dieses ergänzen. Gleichzeitig zeigt sich, dass neue Veranstaltungen zunehmend innovative Konzepte brauchen, um sich im dicht gefüllten Eventkalender zu behaupten.
Wo steht Tirol im internationalen Vergleich?
Tirol ist im Bereich Trailrunning bereits gut positioniert und wird international wahrgenommen. Große Events und die alpine Landschaft bieten beste Voraussetzungen. Gleichzeitig zeigt der Blick nach außen, dass andere Regionen wie beispielsweise Schweiz (Graubünden), Südtirol (Dolomiten) oder Frankreich (Charmonix) das Thema noch konsequenter als strategisches Leitprodukt entwickeln und stärker bündeln. Die Kanarischen Inseln etablieren sich gerade als Trainingslager. Auch innerhalb Tirols gibt es bereits Vorreiter: Regionen wie das Pitztal, das Ötztal, die Region Innsbruck oder das Stubaital haben früh begonnen, Trailrunning gezielt aufzubauen und weiterzuentwickeln. Diese Beispiele zeigen, welches Potenzial im Thema steckt. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass viele Angebote bislang noch nebeneinanderstehen.
Welch Visionen hast du für die Zukunft des Trailrunning in Tirol?
Für Tirol besteht weiteres Potenzial insbesondere in der Bündelung der Angebote, einer klaren strategischen Ausrichtung und der Fokus auf qualitativ hochwertige, kuratierte Angebote. Eine stärkere Positionierung des Themas auf übergeordneter Ebene könnte dazu beitragen, Trailrunning langfristig noch stärker im touristischen Profil Tirols zu verankern. Trailrunning hat das Potenzial, sich als drittes zentrales Sommerthema neben Wandern und Bergsteigen zu etablieren.
Die wichtigsten Takeaways für Destinationen
- Trailrunning entwickelt sich dynamisch und gewinnt weiter an Bedeutung.
- Die Zielgruppe wird jünger und ist stark Lifestyle- und communitygetrieben.
- Der Sport entwickelt sich zunehmend zum entscheidenden Reisemotiv.
- Ganzjahrespotenzial macht Trailrunning besonders attraktiv.
- Erfolgreiche Angebote brauchen klare Konzeption statt vorhandener Wege.
- Events sind sinnvoll, aber kein Muss und kein Ersatz für ein starkes Basisangebot.
- Tirol ist gut aufgestellt mit weiterem Entwicklungspotenzial in Qualität und landesweiter Positionierung.