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 „Wir müssen nachdenken, wie wir mit der Ressource Baukultur umgehen.“

Interview mit Gabriele Neumann

Gabriele Neumann ist seit 30 Jahren im Bundesdenkmalamt tätig und leitet das Landeskonservatorat für Tirol. Nach ihrem Studium der Kunstgeschichte und Rechtswissenschaften an der Universität Innsbruck trat sie 1994 in den Denkmaldienst ein. Seither war sie in zahlreichen Aufgabenfeldern aktiv – von der Inventarisation über Unterschutzstellungsgutachten bis hin zur praktischen Denkmalpflege. Als Gebietsreferentin betreute sie u. a. Innsbruck-Stadt und den Bezirk Schwaz. Heute trägt sie die Verantwortung für fast 5.000 Denkmale in Tirol.

Frau Neumann, der Tag des Denkmals steht heuer unter dem Motto „Denkmal bewahren – digital erfahren“. Was steckt hinter diesem Motto – und warum ist es gerade jetzt relevant?

Der Tag des Denkmals findet heuer zum 30. Mal statt – ein schönes Jubiläum. Jedes Jahr öffnen in ganz Österreich Denkmale unter einem gemeinsamen Motto ihre Türen, gemeinsam mit ihren Eigentümer:innen. Das Motto greift 2025 ein Thema auf, das auch unsere tägliche Arbeit stark beeinflusst: die Digitalisierung. Digitale Erfassungs- und Dokumentationsmöglichkeiten helfen uns, Objekte besser kennenzulernen und langfristig zu bewahren. Datenbanken sind für uns heute wertvolle Wissensspeicher, denn sie ermöglichen neue Zugänge zu historischen Bauten.

Ein gutes Beispiel ist das Ursulinenareal in Innsbruck, ein Schulgebäude von Josef Lackner aus den 1970er-Jahren. Gemeinsam mit der Universität Innsbruck analysieren wir, wie digitale Werkzeuge die Erhaltung und Vermittlung solcher Bauwerke unterstützen können.

Gibt es ein konkretes Beispiel aus dem heurigen Programm?

Die Stadt Hall beispielsweise setzt auf digitale Vermittlungsformate. Besonders innovativ ist das Projekt hall360.tirol, eine virtuelle Zeitreise, mit der archäologische Befunde dauerhaft erfahrbar bleiben. Nutzer:innen können am Smartphone oder Tablet – oder auch weltweit über die Website – in ein 360-Grad-Modell der Stadtarchäologie eintauchen, Objekte in 3D betrachten und virtuell zum ursprünglichen Fundort springen. Diese digitale Vermittlung hilft, Inhalte sichtbar zu machen, die sonst vielleicht verloren gingen.

Welche Rolle spielt baukulturelles Erbe für die Identität einer Region – und wie lässt sich das im Tourismus sichtbar machen?

Jede Region hat ihre typischen Bauwerke – ikonische Orte, die das Ortsbild prägen. Besonders in Gegenden mit intakter Kultur- und Naturlandschaft sind es oft die kleinen bäuerlichen Gebäude wie Stadel oder Mühlen, die identitätsstiftend wirken. Das Museum Tiroler Bauernhöfe in Kramsach etwa zeigt solche Bauten gebündelt – ein Ort, der touristisch erlebbar ist und Gästen gut vermittelt, was unsere Kulturlandschaft ausmacht.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie aus der Praxis – etwa von Tourismusbetrieben oder Kulturvermittler:innen – zum Tag des Denkmals?

Der letzte Sonntag im September hat sich bei unserem Stammpublikum gut als Fixtermin etabliert. Was wir uns wünschen: Dass das Angebot auch mehr von Urlaubsgästen genutzt wird. Viele Menschen interessieren sich dafür, wie man Denkmäler pflegt, wie sie bewohnt werden und welche Arbeit dahintersteckt. Besonders beliebt sind Einblicke in Restaurierungen. Fachleute zeigen, wie so ein Prozess abläuft – von der ersten Bestandsaufnahme bis zur fertigen Sanierung.

Welche Chancen sehen Sie in der Zusammenarbeit von Denkmalpflege, Tourismus und Kulturvermittlung? Gibt es gute Beispiele?

Die Chancen sind groß. Der Tourismus arbeitet stark mit Bildern von Architektur und Landschaft – und wir sorgen dafür, dass diese erhalten bleiben. Schlösser, Burgen und ihre Nebengebäude sind beliebte Ausflugsziele, die Gäste besuchen, weil sie mit Tirols Geschichte und Identität verbunden sind.

Ein gelungenes Beispiel ist die Burg Heinfels, eines der größten Restaurierungsprojekte der vergangenen Jahre. In der Gemeinde Oberhofen im Inntal wurde durch die Revitalisierung eines alten, sehr lange leer stehenden Gasthofs ein modernes Gemeindeamt inklusive Veranstaltungsscheune geschaffen, das gemeinsam mit dem neuen Bildungscampus ein neues Ortszentrum bildet. Das ist Dorferneuerung in der besten Form mit Strahlkraft für andere Gemeinden.

Auch kleinere Projekte sind wichtig: Altstadtsanierungen in Hall oder Rattenberg, die Instandsetzung von Höfen in den unterschiedlichen Regionen – oder einzelner Kapellen, Almen, Brücken. Jeder Mosaikstein zählt, um das große Ganze zu erhalten.

Was braucht es, damit die Bedeutung von Denkmalpflege auch im Tourismusverständnis stärker verankert wird?

Es braucht vor allem Verständnis und Respekt für die gewachsene Kulturlandschaft. Die Tiroler Raumordnung regelt beispielsweise die Anzahl an Appartements, die in den Gemeinden individuell geplant werden dürfen. Die Quantität sollte hier jedoch nicht immer an erster Stelle stehen. Gäste bringen diesbezüglich oft ein besseres Gespür mit – sie schätzen Qualität und authentische Substanz und suchen nicht pseudotiroler Architektur oder riesige Hotelkomplexe, die es überall auf der Welt gibt. In den letzten Jahren sind in Tirol einige gelungene Beispiele von Beherbergungsbetrieben in historischer Bausubstanz geglückt, etwa der Buchhammerhof am Kaunerberg, die Studios des Hotels Grauer Bär in Innsbruck, das Kontor in Hall in Tirol oder in Rattenberg das Boutiquehotel Rattenberg und das Hotel Traube. Diese Beispiele belegen, dass man auch in denkmalgeschützten Gebäuden den Komfort nach heutigen Standards genießen kann.

Wir leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt unserer Kulturlandschaft,  – damit die Bilder, die nach außen getragen werden und für den Tourismus wichtig sind, auch stimmig sind. Der Tourismus kann helfen, den Fokus zu schärfen und Gemeinden zu sensibilisieren: Was wollen wir eigentlich zeigen? Und wie gehen wir mit unseren knappen Flächen um? Manchmal braucht es eben auch den Blick von außen, um wieder zu erkennen, was besonders und erhaltenswert ist.

Tirol hat eine enorme Bandbreite an historischen Gebäuden. Welche aktuellen Herausforderungen stellen sich der Denkmalpflege konkret in unserem Bundesland?

Wir arbeiten mit vielen engagierten Eigentümer:innen – aber es gibt leider auch Fälle, wo Gebäude absichtlich dem Verfall überlassen werden. Und das ist sehr schade. Wenn ein Objekt aus dem Ortsbild verschwindet, entsteht eine Lücke, die man nicht einfach wieder füllen kann. Was verloren geht, ist unwiederbringlich – wie in der Natur. Es ist bedauerlich, wenn in ein Objekt viel Energie und Handwerkskunst gesteckt wurde, und wir schaffen es nicht, es zu erhalten. 

Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft der Baukulturvermittlung in Tirol – auch im Zusammenspiel mit dem Tourismus?

Es ist schon ein großer Schritt, miteinander zu reden. Was der Tourismus an historischen Bauten und Architektur zeigen kann, ist keine Selbstverständlichkeit – dahinter steckt viel Arbeit. Es gibt Diskussionen, ob der Tourismus zur Erhaltung mehr beitragen sollte. Vieles läuft dabei über Umwege über die Gemeinden. Was ich mir wünsche: mehr Sichtbarkeit und Bewusstsein. Wir müssen sorgsam mit dem umgehen, was wir haben – nicht nur mit historischen Bauten, sondern mit unserer Baukultur im Allgemeinen.

Der Tourismus könnte auch bei Gemeinden verstärkt einmahnen: Achtet darauf, was ihr genehmigt. Braucht es wirklich ein riesiges Hotel mitten in der Landschaft? Wir müssen alle gemeinsam nachdenken, wie wir mit der wertvollen Ressource Kulturlandschaft und Baukultur umgehen und wie wir diese in die Zukunft tragen.

Details zum Tag des Denkmals gibt es hier.

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Eva-Maria Sens

Künstlerische Direktorin der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik